Zum Inhalt springen
Alle Beiträge
Grundlagen 7 Min. Lesezeit· von Lars Zimmermann

KI-Hype erkennen: Substanz von Show unterscheiden

LinkedIn ist voll von KI-Experten mit präzisen Zahlen und fertigen Tools. Wie Sie in zwei Minuten erkennen, ob hinter dem Auftritt Substanz steckt oder nur gut verpackte Luft.

Kurz gesagt

KI-Hype erkennen Sie an wiederkehrenden Mustern: erfundene Zahlen mit Nachkommastellen, Köder statt offener Hilfe, ein fertiges Werkzeug ohne Verständnis Ihres Prozesses und Buzzwords, die nichts aushalten. Seriöse Substanz ist belegbar, offen und beginnt beim Prozess, nicht beim Tool.

Read in English: English version

Mein LinkedIn-Feed ist voll von KI-Experten. Präzise Prozentzahlen, eine unbequeme Wahrheit, dann ein fertiges Tool und der Aufruf, ein Codewort in die Kommentare zu schreiben. Es klingt nach Insiderwissen. Meistens ist es eine Vorlage, die tausende benutzen. Die gute Nachricht: Die Maschen wiederholen sich, und wenn Sie das Muster einmal sehen, erkennen Sie es überall.

Ich schaue aus der Sicht von jemandem, der prüft, statt verkauft. Was ein Auditor lernt: Der glatte Auftritt sagt wenig. Die kleinen Details sagen alles. Hier sind die Muster, an denen Sie gut verpackte Luft von echter Substanz unterscheiden.

Erfundene Zahlen mit Nachkommastellen

Das erste Warnzeichen sind zu präzise Zahlen. Wenn jemand schreibt, ein bestimmtes Verhalten löse genau 15,6 Prozent mehr von irgendetwas aus, dann werden Sie hellhörig. Nachkommastellen sollen seriös klingen. Belegt sind sie fast nie. Echte Zahlen kommen mit Quelle und Kontext, oder sie kommen gar nicht.

Als Auditor gilt für mich eine einfache Regel: eine belegbare Zahl oder keine Zahl. Eine Behauptung ohne überprüfbaren Nachweis ist keine Tatsache, sondern eine Meinung im Kostüm. Fragen Sie freundlich nach der Quelle. Bei Substanz bekommen Sie eine Antwort. Bei Show bekommen Sie ein Ausweichen.

Hilfe oder Köder?

Das zweite Muster ist der Köder. Schreib ein Codewort in die Kommentare, dann schicke ich dir das PDF. Das treibt kurzfristig die Reichweite, aber es ist eine Mechanik, kein Geschenk. Sie tippen ein Wort, der Beitrag bekommt Interaktion, und Sie landen in einem Verkaufstrichter.

Echte Hilfe ist offen zugänglich. Wer Ihnen wirklich etwas mitgeben will, verlinkt den Artikel, zeigt das Beispiel, nennt die Quelle. Wer Sie erst durch einen Kommentar und eine Direktnachricht schleust, optimiert seinen Funnel, nicht Ihren Wissensstand. Das ist nicht verboten, aber Sie sollten es als das sehen, was es ist.

Substanz teilt man offen. Show macht man knapp und gegen einen Preis.

Werkzeug verkaufen statt Prozess verstehen

Das dritte und wichtigste Zeichen merken Sie im Gespräch. Ein seriöser Berater fragt zuerst nach Ihrem Prozess. Ein Blender redet sofort über sein Werkzeug. Wer Ihnen im ersten Termin schon einen KI-Agenten bauen will, ohne Ihren Ablauf verstanden zu haben, verkauft Ihnen kein Werkzeug, sondern ein Risiko.

Nehmen Sie drei typische Fälle aus dem Mittelstand. Eine KI, die Bewerbungen vorsortiert. Eine Kamera mit Modell, die Bauteile in der Endkontrolle prüft. Eine KI, die im ERP Aufträge anlegt. In allen drei Fällen ist die Technik der einfache Teil. Der schwierige Teil ist der Prozess dahinter: Wer entscheidet, wer kontrolliert, was passiert bei einem Fehler. Wird die KI auf einen kaputten Prozess gesetzt, automatisiert sie nur den Murks, schneller und teurer.

Die selbsternannte KI-Elite

Das vierte Muster ist die selbsternannte Elite. Viel Bühne, viele Webinare, große Worte über die Zukunft. Die unbequeme Frage lautet: Was hat dieser Mensch selbst gebaut, eingeführt, verantwortet? Wer nie in der Halle stand und nie eine Rechnung für seinen eigenen Fehler bezahlt hat, redet über KI wie über das Wetter.

Ich habe in fünf Branchen Audits gemacht, von der Luftfahrt bis zur Präzisionstechnik, in fünf Ländern, mit über 1.200 dokumentierten Audit-Stunden. Das macht mich nicht zum Klügsten im Raum. Aber ich weiß, wie es ist, wenn ein Prozess nachts um halb vier hält, weil ein Modell etwas nicht erkennt. Diese Bodenhaftung hört man einem Menschen an. Sie hören sie auch, wenn sie fehlt.

Buzzword-Bingo als Substanzersatz

Das fünfte Zeichen ist die Sprache. Wenn ein Satz in sich zusammenfällt, sobald Sie die Modeworte herausnehmen, war nichts drin. Machen Sie den Test: Streichen Sie zukunftsweisend, ganzheitlich, skalierbar und Synergie aus einem Beratersatz. Bleibt eine konkrete Aussage übrig, oder nur warme Luft?

Substanz klingt unspektakulär. Sie nennt das Teil, den Prozess, die Zahl, die Grenze. Sie sagt auch, was nicht geht. Genau dieses Eingeständnis von Grenzen ist ein Qualitätsmerkmal. Wer Ihnen erzählt, KI löse alles, hat entweder nichts verstanden oder will Ihnen etwas verkaufen.

Ihr Hype-Filter in fünf Fragen

Sie müssen kein KI-Experte sein, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Diese fünf Fragen reichen, bevor Sie jemandem zuhören oder gar einen Vertrag unterschreiben.

  • Sind die Zahlen belegt, mit Quelle und Kontext, oder nur präzise gemacht?
  • Ist die Hilfe offen zugänglich oder an einen Köder und eine Direktnachricht gebunden?
  • Fragt die Person zuerst nach meinem Prozess oder zuerst nach ihrem Tool?
  • Was hat dieser Mensch selbst gebaut, eingeführt oder verantwortet?
  • Bleibt eine konkrete Aussage übrig, wenn ich die Buzzwords streiche?

Wer hier souverän und konkret antwortet, hat Substanz. Wer ausweicht, Folien zeigt und über die große Zukunft redet, ohne ein einziges Beispiel anfassen zu lassen, hat sie nicht. Das ist keine Garantie, aber ein verlässlicher erster Filter.

Und ja, dasselbe Prinzip steckt schon im kleinsten Detail. Wer noch nicht einmal sein eigenes Impressum auf dem aktuellen Stand hält, prüft auch seinen KI-Output nicht. Hype ist laut. Substanz ist leise und überprüfbar. Im Zweifel halten Sie sich an das Leise.

Teilen: LinkedIn E-Mail

Häufige Fragen

Sind präzise Prozentzahlen immer ein schlechtes Zeichen?+

Nein, aber Vorsicht. Echte Zahlen kommen mit Quelle, Methode und Kontext. Auffällig glatte oder zu präzise Werte ohne Beleg sind meist erfundene Genauigkeit, die seriös klingen soll. Fragen Sie nach der Quelle, die Antwort verrät viel.

Was ist falsch an Schreib ein Wort in die Kommentare?+

Das ist Engagement-Bait. Es erzeugt künstlich Interaktion und schleust Sie in einen Verkaufstrichter. Echte Hilfe ist offen zugänglich: ein Link, ein Beispiel, eine Quelle. Der Köder optimiert den Funnel des Absenders, nicht Ihren Wissensstand.

Wie erkenne ich Substanz im Erstgespräch?+

Substanz fragt zuerst nach Ihrem Prozess, nicht nach dem Werkzeug. Sie nennt konkrete Beispiele, Zahlen mit Kontext und auch Grenzen. Wer behauptet, KI löse alles, und sofort ein Tool verkaufen will, liefert meist Show statt Substanz.

Was hat das mit ISO/IEC 42001 zu tun?+

ISO/IEC 42001 ist die Norm für ein KI-Managementsystem. Sie verlangt genau das, was Substanz ausmacht: belegbare Nachweise, benannte Verantwortung und dokumentierte Prozesse statt großer Worte. Ein Audit prüft, ob hinter den Folien echte Wirksamkeit steht.

Autor & fachliche Prüfung: Lars Zimmermann · ISO/IEC 42001 Senior Lead Auditor & ISO/IEC 27001 Lead Auditor (PECB)

Auditor mit Stallgeruch, Geschäftsführer eines produzierenden Mittelständlers, der KI-Managementsysteme und Informationssicherheit prüft und aufbaut. Mehr über mich.

Stand: 20. Juni 2026. Inhalt nach bestem Wissen recherchiert und fachlich geprüft; ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall.

Quellen & weiterführend

Konkrete Fragen zu Ihrem Fall?

Im kostenlosen 15-Minuten-Erstgespräch ordnen wir Ihren Stand zu ISO 42001, ISO 27001 und dem EU AI Act ein, ehrlich und ohne Verkaufsdruck.

Weiterlesen