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Branche 8 Min. Lesezeit· von Lars Zimmermann

KI-Sparring: worüber Geschäftsführer wirklich reden wollen

Meine erste KI-Sparring-Runde. Die Erwartung war Effizienz, das Thema war Auftragseingang. Was zwei Geschäftsführer wirklich beschäftigt hat.

Kurz gesagt

In meiner ersten KI-Sparring-Runde ging es fast nicht um Effizienz. Der eigentliche Engpass war der Auftragseingang, nicht die Abarbeitung. Dazu kamen zwei Themen, die in keiner KI-Broschüre stehen: Misstrauen gegen die eigenen Stammdaten und die Frage, was passiert, wenn der eine Mitarbeiter ausfällt, der die Disposition im Kopf hat. Wer KI verkaufen will, ohne diese drei Punkte zu kennen, redet am Betrieb vorbei.

Ich hatte eine Stunde eingeplant, ein selbstgebautes KI-ERP im Gepäck und eine ziemlich klare Vorstellung davon, worüber wir reden würden. Effizienz. Durchlaufzeiten. Wo im Betrieb die Minuten liegen bleiben. Nach zwanzig Minuten war klar: Das interessierte meine beiden Gesprächspartner ehrlich gesagt am wenigsten. Sie hatten ein anderes Problem, und es war größer.

Die Erwartung war Effizienz. Das Thema war Auftragseingang.

Der Satz, der die Runde gedreht hat, kam vom Geschäftsführer, sinngemäß: Wie setze ich KI ein, um neue Kunden zu bekommen? Das ist mir gerade wichtiger, als ob hier jemand fünf Minuten schneller arbeitet.

Da saß ich mit meiner schönen Demo und musste erst mal schlucken. Denn er hat recht. Ein Betrieb, dessen Halle halb leer ist, gewinnt nichts, wenn die Auftragsanlage schneller wird. Effizienz rechnet sich, wenn Arbeit da ist. Fehlt die Arbeit, optimierst du Leerlauf.

Das ist der Punkt, an dem die meisten KI-Angebote am Betrieb vorbeireden. Sie kommen mit Prozessoptimierung in einen Raum, in dem über Umsatz gesprochen wird. Beides ist berechtigt, aber die Reihenfolge entscheidet, ob dir jemand zuhört.

Dazu kommt ein Marktdruck, den man in keiner KI-Präsentation findet. Mehrere Kunden dieses Betriebs verlagern auf Konzernvorgabe nach Osteuropa, zu Preisen, gegen die hier niemand anbieten kann und will. Über Fertigungsportale kommen Anfragen herein, die deutlich über dem späteren Vergabepreis liegen und am Ende doch ins Ausland gehen. Wer in dieser Lage sitzt, hört bei „Prozessoptimierung“ verständlicherweise nur halb hin.

Meine Haltung dazu ist unverändert: Ich mache keine Dumpingpreise, und ich bücke mich auch nicht mehr danach. Der Weg aus dem Preiskampf führt nicht über den letzten Cent, sondern über Dinge, die ein Billiganbieter nicht mitliefert: verlässliche Termine, saubere Dokumentation, schnelle und belastbare Angebote. Genau dort kann Technik etwas beitragen.

Was ich daraus gemacht habe: Ich frage inzwischen zuerst, wo der Engpass liegt. Nicht wo der Prozess hakt, sondern wo das Geschäft hakt. Manchmal ist das die Halle. Oft genug ist es der Vertrieb, die Sichtbarkeit, die Angebotsqualität oder die Geschwindigkeit, mit der ein Angebot rausgeht. Und ja, für diese Ecke gibt es sinnvolle KI-Anwendungen. Sie heißen nur anders als die, die alle zeigen.

„Theoretisch ja, praktisch nein“

Der zweite Satz, den ich mitgenommen habe, ist der ehrlichste Automatisierungs-Einwand, den ich kenne. Sinngemäß: Theoretisch stimme ich Ihnen zu. Praktisch nicht. Bei uns stimmen die Bestände nicht. Es schneidet auch mal einer ein Stück ab und bucht es nicht.

Das ist kein Widerstand gegen Technik. Das ist Berufserfahrung. Wer weiß, dass seine Stammdaten löchrig sind, traut keiner Automatisierung, die auf diesen Daten aufsetzt. Und er hat recht damit.

Meine Antwort darauf ist unbequem, aber sie hat gesessen: Die Stückzahlen stimmen heute auch nicht. Nur merkt es keiner, weil ein Mensch dazwischen sitzt, der es im Kopf ausgleicht. Automatisierung macht diesen Fehler nicht größer. Sie macht ihn sichtbar.

Deshalb ist die Reihenfolge nicht verhandelbar: erst der Prozess, dann das Werkzeug, dann die KI. Wer ein schlechtes Verfahren automatisiert, bekommt schlechte Ergebnisse schneller und in größerer Zahl. Der saubere Prozess ist keine Vorbedingung, die man sich schönredet. Er ist die Arbeit selbst.

Und noch etwas gehört zur Ehrlichkeit: Am Anfang läuft so ein System nie fehlerfrei. Es lernt aus echten Fällen aus deinem Betrieb, nicht aus einer Broschüre. Wer das verschweigt, verkauft ein Versprechen, das er nicht halten kann.

Die Frage, nach der es im Raum kurz still wurde

Irgendwann kamen wir auf die Disposition. Stücklisten buchen, Material zuordnen, Termine schätzen. Das läuft dort händisch, aus Erfahrung, nach Gefühl. Ein Mann macht das. Er macht es gut, seit Jahren.

Dann habe ich ketzerisch gefragt: Was passiert, wenn derjenige ausfällt?

Diese Frage stelle ich seitdem in jedem Sparring, weil sie zuverlässig einen Nerv trifft. Nicht weil die Antwort neu wäre, sondern weil sie selten laut ausgesprochen wird. Elternzeit, längere Krankheit, ein Wechsel, irgendwann der Ruhestand. In vielen Betrieben hängt ein zentraler Ablauf an genau einem Kopf.

Das ist übrigens kein KI-Thema, sondern ein Governance-Thema. Wissen, das nur in einem Kopf existiert, ist nicht dokumentiert, nicht prüfbar, nicht übergebbar. Als Auditor sehe ich das ständig, und es ist immer dasselbe Muster: Es funktioniert hervorragend, bis es einmal nicht funktioniert.

KI kann hier tatsächlich helfen, aber anders als gedacht. Nicht als Ersatz für den Kollegen, sondern als Werkzeug, das sein Vorgehen sichtbar macht. Regeln aufschreiben, die er ohnehin anwendet. Entscheidungen protokollieren, die er ohnehin trifft. Am Ende steht ein Ablauf, den auch jemand anderes fahren kann.

Der erste Schritt kostet dabei nichts außer Aufmerksamkeit: eine Besprechung mitschneiden, in der dieser Kollege erklärt, warum er so entscheidet, und daraus die Regeln aufschreiben, die er längst anwendet. Nicht als Kontrolle, sondern als Absicherung. Die meisten Leute machen das gern, wenn man ihnen erklärt, warum.

  • Welche wiederkehrende Entscheidung trifft bei euch genau eine Person, ohne dass irgendwo steht, wie sie sie trifft?
  • Was würde in der Woche passieren, in der diese Person nicht da ist?
  • Wer könnte einspringen, und wie lange bräuchte er, um sich einzuarbeiten?

Was ich gezeigt habe, und was wirklich gewirkt hat

Ich hatte die automatisierte Auftragsanlage aus meinem eigenen Betrieb dabei. PDF rein, Kundenkonfiguration, Zeichnung abgelegt, Preise und Stückzahlen übernommen. Vorher zwölf Minuten Handarbeit, jetzt sechsundzwanzig Sekunden. Das ist meine eigene Firma, meine eigenen Zahlen, kein Referenzkunde.

Die Demo kam gut an. Gewirkt hat aber etwas anderes.

Spontan habe ich die Website der beiden aufgerufen und angeschaut, was dort rechtlich hinterlegt ist. Ein paar Punkte waren erkennbar seit Jahren nicht angefasst worden. Das ist keine Rechtsberatung und war auch nicht als Vorführung gemeint, sondern als das, was es ist: ein Blick von außen, den im Alltag niemand wirft.

Dieser Moment hat mehr bewegt als jede Folie. Weil er konkret war, in zwei Minuten nachvollziehbar und weil er zeigt, wie viel im Tagesgeschäft unbemerkt liegen bleibt. Nicht aus Nachlässigkeit. Aus Beschäftigung.

Wichtig war mir dabei, den Unterschied zwischen Demo und Betrieb offen zu benennen. Was ich zeige, läuft in meiner Firma, mit meinen Daten, nach zwei Jahren Arbeit daran. Es ist kein Produkt, das man am Montag installiert und das am Dienstag den Betrieb kennt. Jede dieser Automatisierungen musste erst lernen, wie bei uns gearbeitet wird, und ein Mensch hat dabei jede Regel abgenommen.

Die zweite Sache, die hängen geblieben ist, war eine Zahl aus meinem Einkauf. Ich habe dort in einem Jahr vierzig Prozent gespart. Nicht durch KI, sondern weil wir aufgehört haben, sicherheitshalber zwei, drei Teile mehr zu fertigen als bestellt. Das ist die unbequeme Wahrheit hinter vielen Digitalisierungsprojekten: Der größte Hebel liegt oft in einer Gewohnheit, nicht in einer Software.

Warum das Format Sparring heißt und nicht Beratung

Ich bin ohne Angebot in dieses Gespräch gegangen. Kein Pitch, keine Präsentation mit Preisliste am Ende. Das war eine bewusste Entscheidung, und sie war richtig.

Ein Betrieb, der zum ersten Mal ernsthaft über KI nachdenkt, braucht keinen Verkäufer. Er braucht jemanden, der dieselben Probleme hat und ehrlich sagt, was funktioniert hat und was nicht. Ich führe selbst eine Präzisionstechnik-GmbH. Ich habe dieselben Preisdiskussionen, dieselben Lieferzeiten, dieselbe Frage, wo der nächste Auftrag herkommt.

Entweder man geht mit der Zeit, oder man geht mit der Zeit.

Den Satz hat mir mal ein Fußballtrainer gesagt, und er passt hier besser als jede Marktprognose. Er ist keine Drohung. Er ist eine Einladung, in Ruhe anzufangen, statt aus Angst zu handeln oder aus Trotz gar nichts zu tun.

Am Ende wollten die beiden drüber schlafen und haben einen Gegenbesuch angekündigt, um das System live in der Fertigung zu sehen. Das ist für mich das ehrlichste Ergebnis, das so ein Gespräch haben kann. Kein Abschluss, sondern Interesse an der Realität dahinter.

Was du aus dieser Stunde mitnehmen kannst

Wenn du selbst überlegst, wo KI in deinem Betrieb anfangen soll, dann nicht bei der Frage, welches Tool gerade alle empfehlen. Sondern bei drei nüchternen Fragen.

  • Wo ist mein Engpass wirklich? In der Abarbeitung, oder im Auftragseingang? Die Antwort entscheidet, welche Art von KI-Anwendung überhaupt sinnvoll ist.
  • Welchem meiner Daten traue ich nicht? Alles, was darauf aufbaut, wird erst funktionieren, wenn der Prozess dahinter sauber ist.
  • Welcher Ablauf hängt an genau einem Kopf? Das ist gleichzeitig dein größtes Risiko und dein bester erster Anwendungsfall.

Keine dieser Fragen braucht Technik, um beantwortet zu werden. Sie brauchen eine Stunde Ehrlichkeit. Danach weißt du, ob KI dein Thema ist oder ob zuerst etwas anderes dran ist. Beides ist ein gutes Ergebnis.

Ein letzter Punkt, weil er in solchen Gesprächen fast immer kommt: die diffuse Angst davor, etwas falsch zu machen. Was darf ich überhaupt, was ist verboten? Diese Unsicherheit lähmt mehr Betriebe als jede technische Hürde. Sie lässt sich auflösen, aber nicht mit einem Tool, sondern indem man die eigenen Anwendungsfälle einmal nüchtern durchgeht und einordnet. Für die allermeisten Dinge, die ein Mittelständler mit KI vorhat, ist die Antwort erfreulich unspektakulär.

Was dagegen wirklich zählt: Bevor ein System eine Entscheidung trifft, die jemanden betrifft, muss klar sein, wer sie beaufsichtigt und wer geradesteht. Das ist keine Bürokratie, das ist dieselbe Frage, die du dir bei einer neuen Maschine auch stellst. Die Haftung bleibt im Haus, nicht beim Anbieter und nicht bei der Software.

Und wenn du merkst, dass die Fragen unangenehm sind: Das ist normal. Unangenehme Fragen sind die, die etwas verändern. Die angenehmen kannst du dir von jedem Anbieter stellen lassen.

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Häufige Fragen

Was ist eine KI-Sparring-Runde?+

Ein offenes Gespräch über den eigenen Betrieb, ohne Angebot am Ende. Ich zeige, was in meiner eigenen Firma mit KI funktioniert und was nicht, und wir schauen gemeinsam, wo in deinem Betrieb der Engpass wirklich liegt. Kein Pitch, keine Präsentation mit Preisliste.

Womit sollte ein Mittelständler bei KI anfangen?+

Mit der Frage nach dem Engpass, nicht mit der Frage nach dem Tool. Liegt das Problem in der Abarbeitung, hilft Automatisierung. Liegt es im Auftragseingang, sind Sichtbarkeit, Angebotsgeschwindigkeit und Kalkulation die sinnvolleren Ansatzpunkte. Erst der Prozess, dann das Werkzeug, dann die KI.

Meine Stammdaten sind unzuverlässig. Lohnt sich Automatisierung trotzdem?+

Die Daten stimmen heute auch nicht, nur gleicht ein Mensch die Lücken im Kopf aus. Automatisierung macht diesen Fehler nicht größer, sie macht ihn sichtbar. Genau deshalb ist der saubere Prozess kein Vorwand zum Aufschieben, sondern der erste Arbeitsschritt.

Was hat der Bus-Faktor mit KI zu tun?+

Wissen, das nur in einem Kopf existiert, ist nicht dokumentiert, nicht prüfbar und nicht übergebbar. KI kann helfen, dieses Vorgehen sichtbar zu machen: Regeln festhalten, Entscheidungen protokollieren. Das Ziel ist kein Ersatz für den Kollegen, sondern ein Ablauf, den auch jemand anderes fahren kann.

Rechnet sich KI, wenn die Auslastung fehlt?+

Effizienz rechnet sich, wenn Arbeit da ist. Fehlt die Arbeit, optimierst du Leerlauf. Dann gehört der erste Blick auf alles, was neue Aufträge bringt, und erst danach auf die Durchlaufzeit in der Halle.

Autor & fachliche Prüfung: Lars Zimmermann · ISO/IEC 42001 Senior Lead Auditor & Senior Lead Implementer · ISO/IEC 27001 Lead Auditor & Lead Implementer (PECB)

Auditor mit Stallgeruch, Geschäftsführer eines produzierenden Mittelständlers, der KI-Managementsysteme und Informationssicherheit prüft und aufbaut. Autor von „Stallgeruch“. Qualifikation auf Credly verifizieren · Mehr über mich.

Stand: 31. Juli 2026. Inhalt nach bestem Wissen recherchiert und fachlich geprüft; ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall.

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